Vorwort Wieland Bopp-Hartwig

 

Blätter fallen, fallen wie von weit, 

als welkten in den Himmeln ferne Gärten.

Sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit, wir alle fallen.

Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andere an: Es ist in allen.

Und doch ist Einer, der dies Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

                „Herbst“ von Rainer Maria Rilke

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

der Herbst ist eine Zeit des Übergangs. An der Natur kann man das gut erkennen: Von der Helle des Sommers geht es hinüber zur Dunkelheit des Winters; von den langen Tagen und kurzen Nächten des Sommers zu den kurzen Tagen und langen Nächten des Winters; von der Wärme des Sommers (in diesem Jahr mit einer extremen Hitzeperiode) zur Winterkälte.
Irgendwie dazwischen ist der Herbst – und wir in ihm. Und viele erleben diese Zeit auch als eine Zeit des Übergangs: von der Freude am Draußensein im Sommer zur Zeit, in der wir viel drinnen in den Häusern sein werden; von der Unbeschwertheit im Sommer zur Schwere mancher Gedanken und Gefühle im Winter.
Die Herbstzeit als Zeit des Übergangs ist auch eine Zeit, in der wir von dem intensiven Erleben der Schöpfung Gottes im Sommer herkommen und allmählich etwas ganz Anderes immer deutlicher in den Blick kommt: die Adventszeit und Weihnachten – wo Gott uns Menschen in ganz anderer und ganz besonderer Weise nahe kommt.
Ein Symbol für den Herbst als Zeit des Übergangs sind die fallenden Blätter. Die fallenden Blätter rufen uns das Vergehen der Zeit, den Wandel und mit ihm auch die Vergänglichkeit des Lebens auf dieser Erde in Erinnerung.
Rainer Maria Rilke hat in seinem berühmten Herbstgedicht dies in eindrücklich-einfühlsame Worte gefasst: Nichts besteht ewig, alles fällt und vergeht. Wir alle fallen. Keiner kann dem entgehen. Doch dieses Fallen – so erinnert er uns mit wunderbaren poetischen Worten - ist kein Fallen in die Sinnlosigkeit und in die Leere des Nichts. Denn Gott umfängt dieses Fallen unendlich sanft, und wir sind immer in seinen Händen.
Das ist die Zuversicht des Glaubens. Mit dieser Zuversicht dürfen wir in diesen Herbst hineingehen, in diese Zeit des Übergangs, in alle Erfahrungen von Wandel und Vergehen, auch in alles Fallen und alles Loslassen; und wir dürfen dann, wenn die Adventszeit beginnt und wir die Menschwerdung Gottes vergegenwärtigen, uns erfüllen lassen von seinem lebendigen Licht, das durch Jesus Christus in diese Welt kommt.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen alles Gute für den
Herbst und dann eine Weihnachtszeit.

                                       Ihr Wieland Bopp-Hartwig